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Börse Frankfurt

Hüfners Wochenkommentar zur Weltwirtschaft: Das Klima verschlechtert sich

13. Juni 2012


Die Prognosen für die Entwicklung der Weltwirtschaft fallen zunehmend negativer aus. Martin Hüfner befasst sich in seinem Kommentar mit den möglichen Folgen.

13. Juni 2012. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die Aussichten der Weltwirtschaft werden schlechter. Das Jahr hatte gut angefangen. Das Wachstum im ers­ten Quartal war ordentlich. Viele zogen daraus den Schluss, dass sich dies so fortsetzen werde und der Beginn eines längerfristigen Aufschwungs sei. Jetzt schlägt die Stimmung um. Ich war in der letzten Woche auf der Frühjahrstagung des Institute of International Finance in Kopenhagen. Dort trafen sich Banker aus allen Kontinenten. Die allgemeine Einschätzung der weiteren konjunkturellen Entwicklung (abgesehen von allen Finanzproblemen) war ausgesprochen negativ.

Ich hatte schon im April geschrieben, dass ich die kon­junkturellen Perspektiven nicht so positiv einschätze (siehe Hüfners Wochenkommentar vom 26. April). Dass sie sich aber so schnell und so stark verschlechtern, hatte ich nicht gedacht.

Die meisten führen das auf die Eurokrise zurück. Die Es­kalation der Probleme in der Währungsunion ist sicher ein zentrales Thema. Ihr die Hauptschuld an der schwie­ri­gen Lage der Weltwirtschaft zuzuschieben ist aber nicht gerechtfertigt. Der Euroraum macht nur knapp 20 Prozent der Weltwirtschaft aus. Das Wachstum hat sich hier gegenüber 2011 lediglich um 1,5 Prozentpunkte ver­ringert. Das ist zu verkraften. Auf einen Austritt Grie­chenlands aus dem Euro haben sich die Unternehmen weitgehend eingestellt. Nur wenn der Euro ganz zerfal­len würde (was ich nach wie vor für sehr unwahrschein­lich halte), hätte dies stärkere Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft.

Wichtiger für die Verschlechterung der weltwirtschaftli­chen Aussichten ist der Einbruch des Wachstums in den Schwellenländern. In China verringert sich das Wachs­tum von 9,2 Prozent 2011 auf vielleicht 7,5 Prozent 2012, in Indien von 7,2 Prozent auf vielleicht 5 Prozent, in allen Schwellen- und Ent­­wick­lungs­ländern insgesamt (die rund die Hälfte der Welt­wirtschaft ausmachen) von 6,2 Prozent auf vielleicht 5 Prozent. Das sind absolut gesehen zwar immer noch gute Ergeb­nisse. Sie reichen aber nicht aus für eine Lokomotive der Weltwirtschaft. Hier zeigen sich zum Teil Struktur­probleme, die schon lange schwelen. Siehe etwa die sinkenden Immobilienpreise in China. Hinzu kommt die restriktive Geldpolitik, die die Länder zur Bekämpfung der Inflation betrieben hatten und die immer noch nach­wirkt. In Russland machen sich die gesunkenen Ölprei­se bemerkbar.

Verschlechtert hat sich die Lage auch in den USA. Aus­löser waren die enttäuschenden Zahlen des Arbeits­mark­ts und der Einkaufs-Manager-Indices. Je weiter das Jahr voranschreitet, umso mehr rücken aber auch die Ge­fahren des "Fiscal Cliff" in das Bewusstsein. Es han­delt sich dabei um eine Reihe von vornehmlich Steu­er­erleichterungen, die am Jahresende automatisch aus­lau­fen, wenn sich die Republikaner und die Demokraten nicht auf eine Verlängerung verständigen. Immerhin geht es dabei um einen Betrag von 600 Milliarden US-Dollar, das sind über 3 Proeznt des Bruttoinlandsprodukts. Angesichts der bevorstehenden Präsidentenwahl sind die Chancen ei­nes Kompromisses überhaupt nicht abschätzbar.

Hinzu kommt, dass die USA das Problem der hohen öf­fentlichen Verschuldung angehen müssen. Auch das wird Wachstum kosten. Die Einkommen der privaten Haushalte steigen nur noch langsam, wodurch weniger Geld für den in Amerika so wichtigen privaten Konsum zur Verfügung steht. Die Sparquote, die sich in der Sub­prime-Krise erhöht und das Problem der hohen Konsumentenverschuldung gemildert hatte, hat sich mehr als halbiert. Sie liegt jetzt nur noch bei 3,4 Prozent. Insgesamt wer­den die Schätzungen für das Wachstum in den Ver­einigten Staaten in diesem und dem nächsten Jahr von 2,5 Prozent bis 3 Prozent auf unter 2 Prozent zurückgenommen.

Was vor allem beunruhigend ist: Die Verschlechterung der Situation in der Weltwirtschaft wird von vielen Be­obachtern nicht nur als eine vorübergehende Delle an­ge­sehen. Sie fürchten vielmehr auch, dass das Wachs­tum längere Zeit niedrig bleiben könnte, ein "verlorenes Jahr­zehnt" also wie in Japan. Siehe hierzu die Grafik, die die Parallelität bei den Zinsen zeigt. Der Kapital­markt­chef des Institutes of International Finance Hung Tran sagte: "We are all Japanese". Freilich gibt es keine harten Fakten, die das zwingend erforderlich erscheinen lassen. Aber 50 Prozent der Konjunktur sind bekanntlich Psychologie.

Wie in Japan?
Huefner13062012
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Für den Anleger

Mit Stimmungen muss man vorsichtig sein. Sie können sich schnell auch wieder drehen. Wenn die Diagnose aber richtig ist (ich gebe dem eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent), dann hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die zu erwartende Gewinnverlangsa­mung wäre nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaf­ter. Der Einbruch der Aktienmärkte der letzten Wochen hätte nicht nur etwas zu tun mit einer vorübergehend größeren Risikoaversion aufgrund der Eurokrise. Die Anleger müssten sich auf eine längere Durststrecke ein­stellen. Die Lösung der Eurokrise würde noch schwie­ri­ger. Die Notenbanken würden die Zinsen soweit wie mög­lich weiter senken und den Märkten noch mehr Li­quidität zur Verfügung stellen. Zuerst würde das in Eu­ropa der Fall sein. Aber auch in anderen Industriestaa­ten und vor allem auch in den Emerging Markets ist mit weiteren Lockerungen zu rechnen. Die langfristigen Zin­sen würden niedrig bleiben. Die Rohstoffpreise würden nicht so schnell wieder auf die früheren Höhepunkte zu­rückkommen, was auch die Inflationsängste dämpft. Der Dollar könnte von einer weiteren Eskalation der Eurokri­se noch etwas profitieren. Auf Dauer sind aber auch die USA nicht so stark.

© 13. Juni 2012 /Martin Hüfner

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland"

 

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