ROUNDUP 2: Ökonom Fratzscher wird neuer DIW-Chef
09.08.2012 20:53
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BERLIN (dpa-AFX) - Der EZB-Ökonom Marcel Fratzscher wird neuer Chef des
Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Das Kuratorium
beschloss am Donnerstag erwartungsgemäß, den 41-Jährigen zum 1. Februar an die
Institutsspitze zu berufen. Es folgte einstimmig dem Vorschlag einer
Findungskommission.
Fratzscher, der derzeit Abteilungsleiter für internationale
wirtschaftspolitische Analysen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist, will
das DIW umstrukturieren. "Mein Verständnis eines Wirtschaftsforschungsinstituts
wie des DIW Berlin ist, dass es politisch neutral sein sollte", sagte Fratzscher
dem "Handelsblatt" (Freitag). Das DIW wird traditionell politisch eher links
eingeordnet.
Wirtschaftspolitische Empfehlungen sollten auf soliden wissenschaftlichen
Analysen beruhen, sagte Fratzscher. "Was politisch gewollt ist, muss für
Forscher Nebensache sein. Das DIW wird für Themen stehen, nicht für politische
Aussagen."
Ziel der Berliner Forscher ist es, im kommenden Jahr wieder an der
prestigeträchtigen Gemeinschaftsprognose der Bundesregierung teilzunehmen, die
bereits in den kommenden Wochen wieder neu ausgeschrieben wird. "Das Ziel für
das DIW Berlin muss es sein, mittelfristig wieder in der Gemeinschaftsdiagnose
zu sein - allein aufgrund der großen Tradition als Konjunkturforschungsinstitut
", sagte Fratzscher der "Financial Times Deutschland" (Freitag).
Dabei ist der 41-Jährige offen für neue Ansätze. "Die Krise hat gezeigt,
dass Teile des Instrumentenkastens der Wirtschaftswissenschaft nicht dienlich
waren - zum Beispiel haben wir die Verbindungen zwischen Realwirtschaft und
Finanzmärkten noch nicht ausreichend verstanden", sagte Fratzscher. Wichtig
seien auch Ansätze aus anderen Bereichen, wie der Psychologie und der
Verhaltensökonomie.
Eine Rezession in Deutschland erwartet der Ökonom nicht. Die augenblickliche
Schwächephase dürfte bereits der Tiefpunkt sein, wenn sich die europäische Krise
nicht verschärfe. "Das kommende Jahr dürfte stärker werden als dieses", sagte er
dem "Handelsblatt".
Fratzscher hält eine engere europäische Koordination der Wirtschafts- und
Finanzpolitik im Euroraum für notwendig. So könne man mittelfristig den
"Geburtsfehler des Euro" beheben, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"
(Freitag). Zugleich räumte er ein, dass niemand genau wisse, wie die Euro-Krise
zu lösen sei.
Langfristig halte er nicht nur den Verbleib Griechenlands, sondern sogar
eine Erweiterung der Währungszone für wünschenswert. "Auf europäischer Ebene
zeigen die Ergebnisse des EU-Gipfels von Ende Juni in die richtige Richtung:
Eine europaweite Bankenunion trägt dazu bei, die Verwerfungen zu beenden", sagte
der Notenbanker der "Financial Times Deutschland". Der künftige Institutschef
hat allerdings noch weitreichendere Visionen. "Als überzeugter Europäer wünsche
ich mir ganz langfristig einen europäischen Währungsraum mit allen 27
Mitgliedsländern."
Der Finanzfachmann folgt auf dem Führungsposten dem Übergangschef Gert
Wagner. Dieser war 2011 nach dem Rücktritt des langjährigen Präsidenten Klaus
Zimmermann an die Spitze des DIW gerückt. Zimmermann war Untreue vorgeworfen
worden. Im April stellte Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen jedoch
ein, weil sie keinen hinreichenden Tatverdacht sah./bf/mar/hgo/DP/he
