| IPO-Sentiment-Indikator Stimmungsbarometer für den Primärmarkt | |||||||||||||||||
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Stimmungen machen Märkte – das gilt für den Aktienmarkt generell, ganz besonders aber für das IPO-Geschehen am so genannten Primärmarkt. Denn von den Einschätzung der Unternehmen und den sie betreuenden Banken hängt ab, ob diese einen Börsengang wagen. Und von den Erwartungen der Investoren an die zukünftige Entwicklung der neuen Aktie hängt es ab, ob sie sich beteiligen. Der neue IPO-Sentiment-Indikator legt diese Stimmungen offen. ![]() Primärmarkt Finanzmarkt für die erstmalige Ausgabe von Wertpapieren, die danach am Sekundärmarkt weiter gehandelt werden.
Die Deutsche Börse hat zusammen mit Prof. Christoph Kaserer vom Center for
Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU München ein
Stimmungsbarometer für den Primärmarkt entwickelt, den
IPO-Sentiment-Indikator. Ziel dieses Indikators ist es, eine Prognose für die
Emissionsaktivitäten am deutschen Aktienmarkt abzugeben und mögliche
Schieflagen in den Erwartungen und Anforderungen der beteiligten
Akteursgruppen offen zu legen. Der Indikator wird quartalsweise veröffentlicht
und bietet Investoren, Emittenten und Banken ein Instrument für eine
Einschätzung der Marktlage.
Der Indikator basiert auf Erkenntnissen aus der empirischen
Kapitalmarktfoschung und kombiniert diese mit Erfahrungen aus der
verhaltensorientierten Kapitalmarkttheorie (Behavioral Finance). Er wird
jeweils zum Quartalsende berechnet und besteht aus zwei Komponenten, nämlich
dem Underpricing-Sentiment und dem IPO-Klima.
Befragung der Akteure am Primärmarkt Fragen
Das IPO-Klima wird mittels Befragung eines Panels von Konsortialbanken, aktiven Investoren und Emittenten ermittelt. Den Teilnehmern werden fünf Fragen gestellt: Die beiden ersten Fragen betreffen die Attraktivität des IPO-Marktes. Sie sind verbunden und werden somit auch verbunden ausgewertet. Die dahinter stehende Idee ist, dass die Einschätzung der Attraktivität des Marktes mit den tatsächlichen Handlungen der Befragten abgeglichen werden soll. Die Antwort kann umso zuverlässiger eingestuft werden, je größer die inhaltliche Konsistenz beider Antworten ist. Fragen drei und vier erheben die Einschätzung des jetzigen und des zukünftigen Bewertungsniveaus am Aktienmarkt. Die letzte Frage ermittelt die Einschätzung der zukünftigen IPO-Aktivität am Primärmarkt.
Die Antworten werden auf einer Skala von 1 bis 5 ausgewertet; daraus
resultiert ein Gesamtwert für das IPO-Klima, der sich zwischen 3 und 60 als
höchst möglicher Wert bewegt. Zum Ende des Dritten Quartals lag dieser Wert
bei knapp 36 Punkten, bei der ersten Erhebung im Frühling betrug er gut 32
Punkte.
Underpricing als Indikator für zukünftige Aktivitäten Underpricing Der erste Börsenkurs liegt über dem Emissionspreis, beim Overpricing liegt er darunter. Neben der Befragung wird ein Underpricing-Sentiment ermittelt. Dieses gibt wieder, wie erfolgreich die IPOs der Vergangenheit in den Augen der Marktteilnehmer gelaufen sind. Dazu wird einfach die wahrgenommene Differenz zwischen Emissionspreisen und den ersten Marktpreisen ermittelt. Hintergrund dieser Überlegung sind Befunde aus der empirischen Kapitalmarktforschung:
Diese beiden Erkenntnisse legen die Vermutung nahe, dass Investoren gemäß dem Behavioral-Finance-Ansatz nicht immer vollständig rational agieren. Deshalb kann es – zumindest vorübergehend – zu systematischen Über- oder Unterbewertungen kommen. Unternehmen scheinen nach einer Phase mit starkem Underpricing vermehrt über einen eigenen Börsengang nachzudenken. Denn hohe Marktpreise – als Bestandteil des Underpricings – machen einen IPO attraktiver, weil sie die Kapitalkosten reduzieren. Das lässt den Schluss zu, dass die IPO-Aktivität mit einem gewissen zeitlichen Abstand vom Niveau des Underpricing abhängt. Tatsächlich deuten mehrere empirische Befunde auf einen solchen Zusammenhang hin.
Diese Erkenntnisse münden im Ansatz, das Underpricing als Indikator für die
zukünftige IPO-Aktivität zu verwenden.
Unterschiedlich starke Wahrnehmungen Behavioral-Finance-Ansätze unterstellen eingeschränkt rationales Verhalten. Das kann u.a. durch selektive Wahrnehmung erzeugt werden. Zum Beispiel bleiben negative Ereignisse stärker im Bewußstsein als positive. Außerdem verblassen Eindrücke mit der Zeit. Das bedeutet in diesem Kontext: Overpricing – wenn der erste Preis unter dem Emissionspreis liegt – bleibt stärker in Erinnerung als Underpricing. Ebenso ist die Wahrnehmung bei Börsengängen der jüngeren Zeit größer. Deshalb wird das Underpricing umso weniger stark gewichtet, je länger der Börsengang zurückliegt. Das so ermittelte wahrgenommene Underpricing lag in diesem Herbst bei knapp 15 Prozent. Im Frühling sind die Investoren noch von einem Underpricing von beinahe Null ausgegangen. Das heißt, in ihren Augen waren Emissionspreise weder zu hoch noch zu niedrig, und damit keine Zeichnungsgewinne zu erwarten.
Eine Rückrechnung des Underpricing-Sentiments zeigt übrigens, dass seit Herbst
2002 das wahrgenommene Underpricing kaum noch im positiven Bereich war.
Zeitgleich ist der Primärmarkt fast vollständig ausgetrocknet. Erst im Sommer
2005 hat sich die Stimmung mit einem wahrgenommenen Underpricing von gut 2
Prozent gedreht. Mittlerweile kann das Sentiment wieder als sehr gut
bezeichnet werden. Das kommt auch in dem starken Anstieg des
Underpricing-Sentiment in der jüngsten Erhebung zum Ausdruck.
Anders als beim IPO-Klima kann die Prognosekraft des Underpricing-Sentiments
durch historische Betrachtung untersucht werden: Die Veränderung des
Underpricing-Sentiments stimmt in 50 von 81 beobachteten Quartalen mit der
Veränderung der IPO-Aktivität im darauf folgenden Quartal überein. Dieser
Zusammenhang ist im statistischen Sinne signifikant und belegt, was angesichts
der weiter oben erwähnten Ergebnisse aus der empirischen Kapitalmarktforschung
zu erwarten war.
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Schließlich wird das IPO-Sentiment aus dem Zusammenwirken des IPO-Klimas und
des Underpricing-Sentiments bestimmt. Das Ergebnis wird in absoluten Punkten
ausgerückt. Vor allem Veränderungen dieses Punktestands geben Einblick in die
Stimmungslage am Primärmarkt.
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